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Peter Paul Rubens. Dianas Heimkehr von der Jagd. |
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Im Folgenden möchte ich den sachlichen Kern eines vor kurzem in der Nietzsche Gedenkstätte Röcken gehaltenen Vortrages wiedergeben. Bereits 2008 hatte ich dort über mein Buch Friedrich Nietzsches Übermensch gesprochen und knüpfte, mit dem diesmaligen Thema daran an. Die Zusammenfassung der entscheidenden Botschaft Nietzsches, seiner Moralkritik, stelle ich nun hier her, verbunden mit der Einladung zu Gesprächen. Auf Fragen, Anregungen oder Gegenreden zur Sache antworte ich also gern, und ich werde, soweit die jeweils Beteiligten sich damit einverstanden erklären, die so entstehenden Dialoge an hier veröffentlichen.[i]
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Nietzsches Moralkritik
Einladung zu Gesprächen
© Pierre Kynast | 16. Juni 2009
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– Hat man mich verstanden? – D.i.o.n.y.s.o.s. g.e.g.e.n. d.e.n. G.e.k.r.e.u.z.i.g.t.e.n.…
Friedrich Nietzsche. Ecce Homo.
Warum ich ein Schicksal bin. 9.
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O
Der Übermensch war von Nietzsche unter Anderem auch als Alternative zu dem kürzlich verstorbenen Gott erfunden worden, als ein Anknüpfungspunkt für das Denken, Fühlen und Handeln, als ein die Menschen durchgreifendes Konzept, welches ihre Wünsche, Hoffnungen und Ziele im Diesseits anbindet, ihrem Willen eine Richtung gibt und Etwas vorstellt, worin sich die Bedeutung vielerlei Gedanken, Worte und Taten halten kann, – einen Sinn.
Die Notwendigkeit einer solchen Alternative war dem Tot Gottes immanent. Stellen sie sich vor, von einem Tag auf den anderen gäbe es keine Judikative mehr, keine Anwälte, keine Richter, keine Gerichte. Die Welt würde nicht mit einem Male im Chaos versinken, aber Stück für Stück würden die herrschenden Gesetze ihre Bedeutung verlieren. Der Zerfall würde vielleicht etwas länger dauern, als der Ein oder Andere erwarten mag, denn lange geübte Praxis fleischt sich ein. Aber er würde kontinuierlich voranschreiten. In dem sich bildenden „rechtsfreien Raum“ jedoch würden neue oder auch alte Rechte Platz beanspruchen und behaupten, und im Ende würde wahrscheinlich eine Ordnung durch eine andere ersetzt werden.
Nun war Nietzsche nicht der Mörder Gottes, und wollte es auch nicht gewesen sein. Er hatte nur in seiner unendlich prägnanten Art festgestellt, „Gott ist tot.“ – und begonnen die Konsequenzen daraus zu ziehen. Eine war, wie gesagt, der Übermensch.
Das nun aber mit dem Tod des Schiedsrichters auch gleich noch die von ihm vertretenen Werte und Regeln abgeschafft werden müssen, scheint nicht unbedingt notwendig. Ein toter Priester wird durch einen lebenden ersetzt, ebenso ein toter Papst, warum also nicht auch ein toter Gott? Der alte Gott, der jenseitige, der erst immer dünner und blässer geworden war und dann als Ding an sich[ii] gänzlich seine Identität verloren hatte, tat’s nicht mehr. Himmelreich und Hölle als Verheißungen im Guten und im Schlechten hatten als Zuchtmittel ausgedient, es war vorbei. Warum also nicht einfach das Jenseits durch das Diesseits ersetzen und Gott durch den Menschen und weitermachen wie bisher?
Eben das passiert; – auch. Man kann durchaus die modernen, insbesondere demokratischen Politiker als Fortsetzung der Priester verstehen: Sie versprechen entweder das Heil für Übermorgen oder sie "heiligen" das Heute auf Kosten des Übermorgen. Ebenso bestehen in die Augen springende Verbindungen der „kommunistische Idee“ mit dem „Reich Gottes“, die nicht nur im sozialistischen und sozialdemokratischen Denken die sinnstiftende Basis darstellen: „Es gibt eine heile Welt, sie ist möglich, wenn …“ Ebenso gibt sich die moderne Idee der Gleichheit aller Menschen recht leicht als Fortsetzung der Idee der Gleichheit aller Seelen vor Gott zu erkennen. Ziemlich genau formuliert lautet Sie: Die Menschen sind verschieden (in ihren Anlagen, Fähigkeiten, Fertigkeiten), sie sind gleich in ihrem Wert. Die christlichen Kirchen und die Politik haben sich wahrscheinlich lange nicht so gut verstanden wie gerade heute. Warum also nicht, wie gefragt, weitermachen mit den überkommenen Werten und Regeln, wie bisher?
Nietzsches Antwort auf diese Frage enthält, ja ist die Kritik der mit diesen Werten überkommen Moral. Und genau hier, in Sachen der Werte und Moral, versteht er sich als Mörder und will es auch sein. Dass der alte Gott weitergelebt hätte, wäre – wenn überhaupt möglich – von Nietzsche wohl leichter, vielleicht sogar auch gern hingenommen worden, dass aber die an ihm hängenden Werte und Regeln weiter als die höchsten geglaubt worden wären, das widersprach und widerspricht zutiefst seinem Willen. Sein gesamtes Schaffen, spätestens von Zarathustra an, kulminiert in diesem Ziel, der Vernichtung der überkommenen Moral an ihrer Wurzel – der Umwertung aller Werte.
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Was ist gut? – Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen erhöht.
Was ist schlecht? – Alles, was aus der Schwäche stammt.
Was ist Glück? – das Gefühl davon, dass die Macht wächst, dass ein Widerstand überwunden wird.
Nicht Zufriedenheit, sonder mehr Macht; nicht Friede überhaupt, sondern Krieg; nicht Tugend, sondern Tüchtigkeit (Tugend im Renaissance-Stile, virtù, moralinfreie Tugend)
Die Schwachen und Missrathnen sollen zu Grunde gehen: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.
Was ist schädlicher als irgendein Laster? – Das Mitleiden der That mit allen Missrathnen und Schwachen – das Christenthum . . .
Friedrich Nietzsche. Der Antichrist. 2.
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Der Übermensch, um ein letztes Mal an diesen Gedanken anzuknüpfen, ist also vielmehr noch als die bloße Ablösung Gottes die Verkörperung oder der Inbegriff einer gänzlich anderen Art der Wertung des Daseins unter ganz anderen, aus dieser anderen Wertung sich ableitenden Regeln. Er ist ein neuer Lebensentwurf, eine Herausforderung an Jedermann wie Nietzsche sagte[iii]. Genau darin liegt Nietzsches „Ja“. Sein „Nein“ aber gehört der überkommenen Moral, und um dieses kategorische „Nein“ zu verstehen, ist es hilfreich sich vorab einige Grundpfeiler in Nietzsches Denken bewusst zu machen.
1.
Die Welt ist eine und selbstreferentiell. Alles spielt in derselben und einen Welt, alles wird in und aus ihr geboren, und vergeht wieder in ihr. Aus Nichts wird Nichts und in Nichts vermag Nichts zu vergehen[iv]. Es ist, – und das war’s schon, oder, in mathematischen Begriffen, die Welt ist eine Null-Summe.
2.
Selbst das Reich Gottes, das Himmelreich, das als „nicht von dieser Welt“ geglaubt wurde, ist eben hier erfunden, aus Gründen, die allein in dieser Welt liegen und es steht, als Erfindung, unter den Bedingungen dieser Welt. Es ist ein Fluchtpunkt des Geistes, der in seiner Realität nicht klar kommt. Ein solcher Geist erfindet sich dunkle und helle Hinterwelten, Gespinste, in denen er sich Rache und Lohn ausmalt oder sich sonst wie von allem Erdenleid und Erdendreck losmachen kann. Auch jede Bewertung und Auslegung des Daseins oder der Welt wird also in dieser selben Welt geboren und stirbt auch wieder in dieser Welt. Es gibt zur Beurteilung der Welt und des Dasein keinen Standpunkt außerhalb der Welt oder jenseits eines Daseins. Es gibt keinen Wert, der nicht an einem Leben klebte.
3.
Der Begriff Leben ist eine, wenn nicht die zentrale Kategorie in Nietzsches Denken und auf die Frage, was Leben ist, lautet seine Antwort: Leben, das ist Wille zur Macht. Was aber heißt Wille zur Macht? Möglichst einfach verstanden, vielleicht auch ein bisschen zu einfach, heißt es Streben nach mehr in jeder Hinsicht, mehr sein, mehr haben, mehr können. Dieses Streben nach mehr ist es, was das Leben als Leben vom nicht-Leben unterscheidet, seine spezifische Differenz zu allem Anderen, sein Wesen, wenn man so will. Man kann das überall sehen. Im Wachstum einer Pflanze kann man es erkennen, darin, dass die täppischen Bewegungen eines Jungen bald geschmeidig und orientiert werden, dass Häuser gebaut werden und Staaten, dass wir lernen, … in all dem wächst die Macht, das Vermögen zu wirken, die Wirkung. Leben ist also eben dieser Wille zur Macht und wo dieser Wille relativ zu anderen stark ist, da wächst das Leben, wo er schwach ist, da geht es zu Grunde, wo er fehlt, da ist Tod.
V
Mit der Unterscheidung in aufsteigendes und niedergehendes Leben, beziehungsweise der in starkes und schwaches kann nun Nietzsches fundamentale Wertkritik formuliert werden:
Die Werte, die mit dem Christentum aufgestiegen nunmehr als höchste galten und gelten sind Werte des Niedergangs und der Schwäche. Sie sind Ausdruck sterbenden Daseins und formulieren dessen Erhaltungs- und Daseinsbedingungen. Die Schwäche verlangt nach Ruhe und sucht eben dieses Anliegen qua Moral, moralisierend also durchzusetzen. Damit aber stellt sie sich, soweit erfolgreich, nicht nur gegen das Leben, sondern saugt dieses selbst aus, schwächt das Wachstum, das Mehr-Macht-Werden zugunsten der Verlangsamung des eigenen Untergangs.
VV
Das Kleine, Schwache und Sterbende geht im Großen, Starken und Lebenden auf. Versteht man Leben als Wille zur Macht, dann kann „Partei für das Leben nehmen“ nur heißen, den Willen zur Macht zu bejahen, dem Wachsen und Mehr-Werden kategorisch den Vorrang einzuräumen. Bereits in dem Moment, indem der bloße Erhalt angestrebt wird, würde das Leben verneint werden.
Die Herausforderung …
… besteht darin, an dieser Einsicht festhaltend, die Umwertung aller Werte selbst (mit-) zu vollziehen.
Das Leben ist nicht Böse.
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[ii] Vgl. Friedrich Nietzsche. Der Antichrist. 17.
[iii] Vgl. Friedrich Nietzsche. Ecce Homo. Warum ich ein Schicksal bin.
[iv] In klarster Deutlichkeit findet sich dieser Gedanke in Parmenides Lehrgedicht über das Sein, verfasst vor etwa 2.500 Jahren.
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| Friedrich Nietzsches Übermensch. Eine philosophische Einlassung |
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Band 1:
Die Geburt der Tragödie
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Band 2:
Menschliches, Allzumenschliches
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Band 3:
Morgenröte
Idyllen aus Messina
Die fröhliche Wissenschaft
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Band 4:
Also sprach Zarathustra
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Band 5:
Jenseits von Gut und Böse
Zur Genealogie der Moral
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Band 6:
Der Fall Wagner
Götzen-Dämmerung
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Nietzsche contra Wagner
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Kritische Studienausgabe Werke, Nachlass, Register
15 Bände
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