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ZUM VERSTÄNDNIS DES HERRSCHENS
I. Gedanken über Deutschland und die Welt
Nach den großen Kriegen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde Herrschaft hauptsächlich als institutionalisierte Gewalt gesehen, verstanden, erlebt und angesprochen. Im Affekt gegen den soeben überwundenen Faschismus und den nunmehr zur Bedrohung avancierenden Sowjetischen Sozialismus bestand besonders im westeuropäischen Kulturraum, eine nachvollziehbare Distanz zu beinahe aller in Systemen geronnenen Macht. „Führer“ und „Einheitspartei“ waren Feindbilder, die kaum einer Begründung bedurften. War es der grausame Wille zur Ausrottung eines ganzen Volkes, welcher den Nationalsozialismus schon beim ersten Anblick diskreditierte, so war es in Hinsicht auf die im Ostblock geronnenen kommunistischen Bestrebungen der drohende Untergang des freien Menschen.
Kritische Theorie war daher, insbesondere in Deutschland, dem doppelten Zentrum der Wirrungen und Irrungen des 20. Jahrhunderts, im wesentlichen Kritik an Totalitarismen und zielte auf deren Dekonstruktion. Auf der einen Seite wandte man sich gegen die Herrschaft eines Einheitswillens, auf der Anderen Seite gegen die Herrschaft des Willens eines Einzelnen. Die politische Lösung dieser Problemstellung hieß man Demokratie und sie bestimmte sich, als einheitliches, gegen Andere abgrenzbares System, ganz wesentlich aus der Negation, aus dem, was nicht sein darf. Man war sich einig gegen die extreme Linke und man war sich einig gegen die extreme Rechte. Das war der ideologische Kern des herrschenden Verständnisses von Demokratie, der letzte Rückzugspunkt politischer Korrektheit.
Zum Ende des 20. Jahrhunderts haben sich die USA und der republikanische Kapitalismus als stärkste Kraft erwiesen und im Kampf der großen Regimes letztlich den Sieg davon getragen. Der Anspruch, globale politische, wirtschaftliche und ideologische Einflusssphären zu schaffen war dabei nicht aufgegeben worden. Im Ergebnis ist die Erde nun insoweit geeint, als man von einer globalen Oligarchie sprechen kann. Das besonders für Deutschland wichtige Grundverständnis von Demokratie als nicht-faschistische und nicht-sozialistische Gemeinschaftsorganisation ist jedoch aufgrund dieser Entwicklung im Zerfall begriffen. Mit dem Verschwinden der Feindbilder, beginnt, das aus deren Negation gewonnene Selbstverständnis zu wanken.
Exkurs über Legitimität
Vom Begriff der Legitimität ist der der Legalität scharf zu scheiden. Legal heißt ein Ereignis, wenn ihm zugesprochen wird, die Satzungen des geltenden Rechtssystems zu erfüllen. Legitim bedeutet zwar im allgemeinen Verständnis ebensoviel wie rechtmäßig, dieses „rechtmäßig“ geht aber in seinem Bedeutungsgehalt über die Sphäre formaler Rechtssatzung hinaus. Legitimität könnte als Legalität nächst höherer Ordnung bezeichnet werden.
Der Begriff der Legitimität ist dabei in einem gewissen Sinne diffus, denn Legitimität kann aus den verschiedensten Quellen gewonnen werden: aus dem so genannten natürlich Recht, aus Gewohnheit, ererbter Autorität, einer bestimmten Eigenschaft oder Fähigkeit der Person, oder ihrem ausgezeichneten Charakter, aus dem Wohl der Menge oder aus deren Willen, … Die Quelle der Legitimität ist also nicht, wie die der Legalität, festgestellt und es ist nicht der gemeinsame Bezugspunkt, welcher hier den gemeinsamen Begriff rechtfertigt.
Was begründet also dann Legitimität? Es ist, so meine ich, das immer selbe Ereignis: der Sieg von Etwas über Etwas anderes. Jedes Ereignis, welches sich gegen ein anderes durchsetzt, legitimiert sich eben damit gegenüber diesem, und zwar durch die schöpferische Differenz, die ihm zum Sieg verhalf. Es ist der Beweis des Erfolges. Was eben noch schöpferische Differenz war, und Grund des Erfolges, wird nun, da bewiesen, zur Quelle des Rechts und eine zumindest in Teilen veränderte Legalität wird auf Basis der neuen Legitimität möglich.
In Bezug auf den Nationalsozialismus waren es die Siegermächte des zweiten Weltkriegs, welche die ideologische Neuausrichtung der Deutschen herbeiführten. Im Westen wurde Hitlers Nationalsozialismus zu Gunsten von Freiheit und Demokratie, im Osten zu Gunsten des Sozialismus verdammt und verworfen. Durch Deutschland verlief die bedeutendste Frontlinie des kalten Krieges, und die Stellung zu halten, hieß die Köpfe zu halten. Nach den Körpern mussten die Ideen besiegt werden, und die Verneinung der jüngsten Geschichte war zu diesem Zweck sowohl im Osten als auch im Westen notwendig. Zusätzlich wurde auf der einen Seite gegen den Kapitalismus und auf der anderen gegen den Kommunismus ideologisiert, und so die Stellung doppelt befestigt. Nicht nur von böser Herrschaft hatte man die Deutschen befreit, man verteidigte sie nunmehr auch gegen einen bedrohlichen Feind.
Mit dem Ende des Kalten Krieges nun, verlor Deutschland für die bisherigen Führungsmächte seine weltpolitische Bedeutung und gewann ein Stück seiner Freiheit zurück. Der ideologische Druck, unter dem beide Landesteile standen, brach zusammen.
Wiederaufbau
In der Zeit unmittelbar nach dem Verlust und den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs hatten sich in beiden Teilen Deutschlands nahezu sämtliche Energien auf den Wiederaufbau konzentriert. In Ost und West gab es in den ersten Jahren nach der totalen Niederlage kein politisches Aufbegehren mehr. In einem gewissen Sinne flüchteten die Deutschen in die Arbeit, und den Siegern auf beiden Seiten kam das entgegen.
Wenn die großsozialistische Steuerung im Osten dieser Dynamik etwas Wind aus den Segeln nahm, so entfaltete sie sich unter der wirtschaftsliberalen Führung insbesondere der Amerikaner und Briten im Westen besonders stark. Mit den Nürnberger Kriegsprozessen, wurde die Masse der Deutschen formal entantwortet. Die Betonung der Friedlichkeit des Sozialismus ließ, nach den Schrecken des letzten, von deutschem Boden ausgegangenen Krieges, die Menschen hier, sich auf der richtigen Seite wähnen. Auf dem Höhepunkt des Aufschwungs der Wiederaufbauphase war die herrschende Meinung in ganz Deutschland, dass die eigene jüngere Vergangenheit nichts Wert gewesen war, dass man Glück gehabt hatte, Davon befreit worden zu sein. „Nazis raus.“ „Nie wieder Krieg.“
Seit diesem Zeitpunkt, so meine These, begann das Ressentiment gegen den Nationalsozialismus wieder zu schwinden. Der Schock war überwunden, man hatte wieder Zeit zum Erinnern und Denken, und man begann langsam und sehr zögerlich wieder davon zu reden, zuerst mehr im Westen, nach der Wiedervereinigung auch im Osten. Weiterhin richtete sich mit der Eskalation des kalten Krieges der Schwerpunkt der ideologischen Bemühungen der Führungsmächte mehr und mehr vom überwundenen Feind auf den neuen Gegner. Im Osten wurde das Kollektiv gegen die Ausbeutung durch Einzelne beschworen, im Westen die freie Entfaltung des Einzelnen gegen kollektive Gleichmacherei. Diese zugespitzte Frontstellung darf nicht davon ablenken, dass nach dem Ende des Wiederaufbauaufschwungs auch im Westen gleichsam kollektive Bestrebungen durchschlugen. Der erste Abschwung nach dem Krieg wurde hier im Sozialstaat abgefangen. Und dieses Bemühen markiert den Eintritt in eine fortgesetzte Schuldenpolitik, der die Bundesrepublik bis heute nicht entflohen ist. Die DDR manövrierte sich auf dieselbe Weise in den Bankrott.
Es beginnt immer damit, dass man vergisst oder verdrängt, dass nur gegeben werden kann, was gewonnen wurde, dass also das Schaffen dem Vernutzen notwendig vorausgeht, und alles Weitere, was aus diesen Sätzen folgt. Sowohl die Leiden des Ersten Weltkriegs, als auch die Überwindung und Kompensation des damit verbundenen Traumas im euphorischen Massetaumel unter der Führung Hitlers haben, als kollektive Erfahrungen, die Deutschen zutiefst prägend geeint, ebenso die totale Niederlage im Zweiten Weltkrieg. Nicht zuletzt dieses Einheitsgefühl stärkte im Westen die Basis der sozialen Marktwirtschaft und sicherte im Osten den Boden auf dem der Sozialismus Fuß fassen konnte.
Sowohl im Westen als auch im Osten waren sozialistische Vorstellungen weithin geteiltes Gemeingut. Ob nun bewusst oder unbewusst, an der Volksgenossenschaft oder der Arbeiterklasse kristallisierend, die Deutschen empfanden sich weithin als zu einem Organismus gehörig. Die große Gegenbewegung dazu kann in dem Wort „68“ zusammengefasst werden, hinter dem die Ideologie vom freien, sich selbst verwirklichenden Individuum stand. Aber selbst dieses ging noch allzu oft in der Kommune auf und kippte dort, wo es gegen den Kapitalismus war, in den Sozialismus. Unter aller Demokratie und allem Kapitalismus erhielt sich ein gewisses sozialistisches Grundverständnis. Im Westen wurde dieses zusätzlich gespeist aus dem wiederentdeckten „christlichen Menschenbild“.
Morgen
Das nationale Empfinden wurde unter dem Druck der Siegermächte auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs verdrängt. Nach dem Ende des kalten Krieges, erwachte Deutschland in einer freien Welt und scheint nun beinahe dazu verurteilt, das Nationale wieder zu entdecken. Die neuerliche Ausformung und Verbindung der Elemente Nationalismus und Sozialismus liegt, den geäußerten Gedanken folgend, nahe.
Dabei ist besonders der ehemalige Westen prädestiniert, den lange unterdrückten sozialistischen Strebungen nachzugeben. Durch die Wiederentdeckung der Familie, nach Ende der Betonung des Kollektivs, könnten im Osten paternalistische Gedanken verstärkt werden. Protektionistische Reflexe auf die Herausforderungen der Globalisierung können solche Tendenzen verstärken.
Europa scheint zwar eine Lösung für das Problem des Nationalismus zu sein, hebt ihn jedoch letzten Endes nur eine Ebene höher. Denn auch Europa ist eine abgrenzende Bezeichnung für einen ziemlich klar umrissenen Teil der auf dieser Erde lebenden Menschen. Ebenso wird eine gewisse Art Sozialismus mit Europa keineswegs überwunden sein, eher im Gegenteil. Denn Frankreich und Deutschland, zwei der großen Führungsmächte, sind sich heute gerade in ihrer sozialistischen Grundstimmung am ähnlichsten. Auch hatten beide Nationen in jüngerer Vergangenheit einen großen Tyrannen. Weiterhin ist Bestechung auf fremden Kredit einer der wesentlichen Integrationsmechanismen der EU und eine weithin geübte Praxis wohl nahezu aller demokratischen Politiker. Das führt Europaweit zu einem ausgeprägten Anspruchsdenken und Realitätsverlust, sowie der immer dringlicheren Notwendigkeit forcierter Ausbeutung… was wiederum, in letzter Konsequenz, Krieg im schlechtesten Sinne nach sich ziehen wird.
Es ist meines Erachtens also nicht unwahrscheinlich, dass sich eine Art Nationalsozialismus auf nunmehr höherer Ebene re-etablieren wird.
Zuletzt darf man nicht vergessen, dass auch der Nationalsozialismus eine Art Sozialismus ist. Er ist daher eben nie die „Rechte“ im Gegensatz zur „Linken“. Nein, er ist immer nur die „rechte Linke“ im Vergleich zur „linken Linken“. Wahrscheinlich werden beide eines Tages koalieren.
II. Zum Verständnis des Herrschens
Und den Herrschenden wandt’ ich den Rücken, als ich sah, was sie jetzt Herrschen nennen: schachern und markten um Macht – mit dem Gesindel!
Friedrich Nietzsche. Also sprach Zarathustra
Im Bestreben, ein Verständnis für Herrschaft zu entwickeln, gehe ich, in Opposition zu den klassischen Staatslehren, davon aus, dass weniger das System, also die institutionalisierte ideologische Verfasstheit eines Gemeinwesens, zum Kriterium der Bestimmung seiner Güte taugt, sondern vielmehr die in ihm geübte Praxis des Herrschens selbst.
Herrschaft und die Pyramide
Im kontinentalen und transkontinentalen europäischen Kulturraum ist Herrschaft im engeren Verständnis ein politologischer und soziologischer Grundbegriff. Er fand spätestens mit den Herrschaftslehren der antiken griechischen Philosophen Eingang in unsere Gedankenwelt.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges haftet an dem Begriff insbesondere in Deutschland nahezu durchgängig ein negativer Wert. Wo Herrschaft verortet wird, da wird sie als notwendiges Übel hingenommen, ist zu begrenzen, einzuschränken, zu kontrollieren oder am besten ganz abzuschaffen. Ihren deutlichsten Ausdruck und ihre Krönung fand die negative Stimmung gegen Herrschaft im programmatischen Titel vom „herrschaftsfreien Diskurs“. Besonders dieser Theoriezusammenhang wurde zu einem mächtigen Verstärker der Aversion gegen Herrschaft.
Geht man nun der Frage nach, was Herrschaft heißt, sucht man also, im Verfolg des Begriffs, diesen klärend auf den Punkt zu bringen, so gelangt man schnell über das Feld des Politisch-Sozialen hinaus. Über den Gedanken der Beherrschung eines Handwerks, gelangt man in den Bereich der Technik. Gedanken über die Herrschaft des Geldes führen in die Ökonomie, und das Nachdenken darüber, wie Ideen Menschen beherrschen können, führt in die Psychologie. Interessant ist auch der umgekehrte Fall, wie Menschen Ideen beherrschen können. Womit sich der Kreis bei der Philosophie vielleicht wieder schließen ließe.
Der häufig zitierte Soziologe Max Weber bestimmt in „Wirtschaft und Gesellschaft“:
Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden.
Auf den ersten Blick wird deutlich, dass diese Bestimmung nicht sonderlich darauf ausgerichtet ist, Herrschen und Herrschaft über die Interaktion von Menschen hinaus zu denken. Vielmehr reduziert Weber seinen Herrschaftsbegriff sogar noch weiter, und zwar auf eine spezielle Form der zwischenmenschlichen Interaktion: auf das Schema von Befehl und Gehorsam.
Wollte man diese Bestimmung von Herrschaft für richtig und vor allem umfassend halten, so wäre es schlichtweg sinnlos, vom Beherrschen einer Technik, oder der Herrschaft des Geldes zu reden. Auch die beherrschende Stellung eines Unternehmens oder eine herrschende Meinung wären anhand des Weberschen Begriffs unmöglich zu erklärende Redewendungen.
Man kann durch Dehnung des Begriffs „Befehl“ vielleicht noch sinnvoll sagen, dass eine Drehbank dem Befehl des Drehers folgt, der sie programmiert, aber weder eine Münze, ein Geldschein, noch eine elektronische Signatur, geben irgendwelche Signale, die als Befehl interpretiert werden könnten, zum Beispiel einen Fernseher zu kaufen. Die beherrschende Stellung eines Unternehmens erfordert keineswegs irgendwelche Befehle an die Konkurrenz oder die Kundschaft. Und eine herrschende Meinung muss nicht einmal sprechen. Webers Definition taugt also auf keinen Fall als Allgemeinbestimmung für Herrschaft. Dennoch passen „befehlen“, „gehorchen“ und „herrschen“ gut zusammen und es scheint wenig sinnvoll, zu bestreiten, dass, wo Einer befiehlt und Andere folgen, der Befehlende herrscht und das Verhältnis der Akteure als Herrschaft bezeichnet werden kann.
Webers definierende Bestimmung lenkt den Blick anfänglich zwar auf den dynamischen Akt des Herrschens – was trotz der irreführenden Verengung des Begriffs bemerkenswert ist – in der weiteren Auseinandersetzung mit dem Phänomen geht Weber jedoch recht schnell zur Analyse verfestigter Beziehungen über.
Herrschen wird weniger als zwischen verschiedenen Akteuren geübtes Spiel mit gelegentlich wechselnden Stellungen verstanden und beschrieben. Nein, Herrschaft wird vielmehr als vermittelnder Akt zwischen einer Art ewigem Oben und einem ewigen Unten analysiert. Das, womit sich das Oben gegenüber dem Unten legitimiert, – Charisma, Tradition, Rationalität bzw. Legalität – gibt den Rahmen zur Systematisierung und Beschreibung von Herrschaft als strukturiertem Gebilde, wie etwa in der Form eines Staats. Es lenkt den Blick ab vom Herrschen der Herrschenden und erklärt, anstatt des Herrschens selbst, die Gründe dafür, warum es die Herrschenden tun, und wie sich Herrschaft, als diese feste Struktur, hält.
Die große Gefahr dieser institutionellen Blickrichtung ist es, dass sie den in Frage stehenden Gegenstand völlig aus dem Auge verliert, dass sie die Kulisse für das Spiel selber hält, und meint, mit dem Umbau der Kulisse das Spiel bestimmen zu können, wobei die Spieler wahrscheinlich in dieser Zeit schon eine Bühne weiter gezogen sind. Die Frage – meines Erachtens die falsche Frage – , welche in kritischer Hinsicht spätestens seit Plato an die Herrschaft gestellt wird, ist die nach Ihrer Organisation, wobei eine Art ewiges Unten und ewiges Oben immer schon unterstellt ist, und Herrschaft als eben diese Formation angesprochen wird.
Man kann von daher in Betracht ziehen, dass nicht selten das Bild einer Pyramide den Hintergrund abgibt, auf dem Vorstellungen von Herrschaft gebildet werden. Die Spitze steht unverrückbar fest und scheinbar ewig auf einer sich immer weiter verbreiternden Basis. Die ägyptische Pyramide, der vor tausenden Jahren steingewordene Integrationsversuch einer ganzen Gesellschaft, bestimmt insofern noch heute unser Herrschaftsverständnis.
Im „Politiklexikon“ der Bundeszentrale für politische Bildung ist zu lesen:
Herrschaft ist ein politisch-soziologischer Grundbegriff, der ein Über- und Unterordnungsverhältnis zwischen Herrschenden und Beherrschten beschreibt, das als rechtmäßig (legitim) anerkannt wird und insofern institutionalisiert ist, als es auf Dauer angelegt und gewissen Regeln unterworfen ist.
Diese lexikalische Bestimmung gibt exemplarisch die Grundtendenz der Masse des Nachdenkens über-, und des Hinsehens auf Herrschaft wieder. Herrschaft ist ein Verhältnis zwischen Über- und Untergeordneten, das dieser Bestimmung folgend, sogar von beiden Seiten als legitim anerkannt wird, und daher notwendig auch erkannt sein müsste. Es institutionalisiert sich auf Grund von Regeln und verstetigt sich durch die Einhaltung dieser Regeln.
Eine solche Regel könnte lauten, dass starke Oben beschützt das schwache Unten. Eine andere, das kluge Oben führt das unwissende Unten zum Besten Aller. Sie kann auch lauten, Oben sorgt dafür, dass der Regen nicht ausbleibt, und sichert damit vor allem dem Unten die Existenzgrundlage einer guten Ernte.
Es scheint unbestreitbar, dass sich Gesellschaften entlang solcher Vorstellungen organisieren können, und es kann sein, dass die Pyramide dabei zu einer Art sich selbst erfüllender Prophezeiung wird. Uns geht es darum, zu verstehen, dass Bestimmungsversuche wie oben das Phänomen Herrschaft nur unvollständig und unbefriedigend klären, und daher eher noch dazu führen, den Kern der Sache zu übersehen.
Die soeben zitierte Bestimmung unternimmt nicht einmal den Versuch, irgendein dynamisch-verbindendes Element im Verhältnis von Herrschenden und Beherrschten zu benennen, und kann daher auf die Frage, was herrschen heißt, was Herrschaft als Praxis ist, gar keine Antwort geben.
Repräsentation ist nicht Herrschaft
Jörg Weber bestimmt aus der Literaturwissenschaft „Arbeit“, „Opfer“ und „Kairos“ als herrschaftskonstitutiv. Für Karl Otto Hondrich ist, aus politikwissenschaftlicher Perspektive, Herrschaft gleichsam das Sediment von Leistung. Jan Assmanns Blick in die politische Theologie fördert die Lüge als wesentliches, wenn nicht notwendiges Moment moderner Herrschaft zu Tage, und der Systematiker Lajos Nagy verortet Herrschaft in Superstrukturen, die gleichsam übermächtig und beinahe allgewaltig das Dasein durchdringen.
Der historisch-ethnologische Blick von Thomas Fillitz weist darauf hin, dass Not ein Anknüpfungspunkt für den Wandel von Herrschaft ist, und dessen Bedingung wiederum die Aufrichtung eines neuen Ideals, das als Grund-Prämisse der Daseinsauslegung angenommen werden kann. Nietzsche nennt Herrschsucht auch „die schenkende Tugend“, und beschreibt sie als das zu Tale kommen des Berges, an dem nichts „Sieches und Süchtiges“ ist. Er vergleicht eben jene schenkende Tugend mit dem Gold, das zu Würden kam, da es „ungemein ist und unnützlich und leuchtend und mild im Glanze;“ – es drängt sich zu nichts auf.
Etwas kann als Verlockung in einem positiven Sinne uns anziehen, oder aber uns Angst machen und abstoßen. Es gibt Sachen, auf die hinsehend wir zustreben, oder um die wir einen besonders großen Bogen machen. Manche Sachen werfen uns ganz plötzlich aus der Bahn, und manche zwingen uns auf Wege, denen wir kaum entgehen können. Von all diesen Sachen kann man nun in gewisser Hinsicht sagen, sie beherrschen uns, aber sie tun das auf ganz unterschiedliche Weise.
Die Märchen und Mythen lehren uns, so Jörg Weber, dass Arbeit und Opfer und das Erwischen des richtigen Moments, der richtigen Konstellation der Dinge, zur Herrschaft führen. Herrschen selbst bedeutet dann im Märchen, schlussendlich eine Position einzunehmen, die eben davon befreit, arbeiten, opfern und auf den richtigen Moment warten zu müssen.
Was Arbeit und Opfer in den Märchen und Mythen ist, das ist bei Karl Otto Hondrich der Begriff „Leistung“. Das Ergebnis von Leistung ist aber wiederum, ähnlich wie in den Märchen, die Institutionalisierung des Willens eines Leistungsträgers, die Einrichtung von „Positionen mit formal geregelten Entscheidungsbefugnissen“, aus denen heraus dieser Wille dann fortgesetzt exekutiert wird, – ohne noch etwas leisten zu müssen.
Als Antworten, wie Mann oder Frau „an die Spitze“ kommt, finden wir neben Webers Charisma, Tradition und Rationalität unter Anderem auch „Geschick in Gewalt“ (die großen Feldherren) und „Geschick in Lüge“ (jedwede Art von Priester). Letztendlich drehen sich also die meisten Bestimmungsversuche darum, wie man zur Herrschaft kommt. Was aber Herrschaft, außer, „auf dem Throne zu sitzen“ sein soll, diese Frage wird kaum auch nur gestellt. Infolge dessen wird Herrschaft von den Meisten als Ort innerhalb einer gewissen strukturellen Statik verstanden und ist ohne eine solche gar nicht zu denken.
Man will zum Gipfel, vergisst aber dabei, dass der Weg das Ziel ist und verwechselt den heiligen Moment, da man das Gipfelkreuz berührt, mit der Herrschaft selbst, die doch eigentlich der ständige Weg über den Berg ist, hoch und wieder runter, ... Man hält Herrschaft für eine Institution, und dieser Gedanke, weiter geführt und auf die Spitze getrieben, mündet in Bestimmungen wie der von Nagy, dem die Akteure gänzlich in einer Art Super-Struktur aufgehen. Trotzdem bleibt bei den meisten Autoren, in welchem Grad auch immer, ein gewisses aktives Moment bei der Bestimmung von Herrschaft erhalten, selbst wenn es wie bei Weber nur das Aussprechen oder Niederschreiben eines Befehls ist. Einigkeit herrscht am Ende auch darüber, dass Herrschen in einem gewissen Sinn bestimmen heißt.
Insofern sind die umrissenen Vorstellungen von Herrschaft nicht gänzlich unvereinbar mit dem von uns ins Auge gefassten Begriff. Was jedoch keines Falls in eine Bestimmung von Herrschaft passt, ist die Aufgabe des aktiven Moments überhaupt: Repräsentation ist nicht Herrschaft, und Institutionen sind keine Bedingung für Herrschaft. Folglich kann Herrschaft auch nicht durch Institutionen oder deren Abschaffung verhindert werden! Denn das Innehaben exponierter Stellungen in einer bestimmten Systematik ist dem Herrschen zwar nicht notwendig hinderlich, jedoch auch keineswegs dazu erforderlich.
Ein philosophischer Bestimmungsversuch
Herrschaft, die durch Sanktionsmöglichkeiten (z.B. Gewalt) gedeckte Chance, Freiheitsgrade einzuschränken und zu regeln. Dabei handelt es sich bei Herrschaft in der Regel um einen relationalen Begriff: A herrscht über B, d. h. A verfügt über die Möglichkeiten, B in seinen Entscheidungen und Handlungen zu beeinflussen, wenn nicht sogar zu steuern.
Kai-Uwe Hellmann in: Metzler Philosophie Lexikon, Hervorhebung Pierre Kynast
Weitergehend, als im zweiten Satz dieser Definition, heißt Herrschaft nicht die Möglichkeit, Jemanden oder Etwas „in seinen Entscheidungen und Handlungen zu beeinflussen, wenn nicht sogar zu steuern“, sondern Herrschaft ist der Fakt der Beeinflussung und Steuerung selbst; die bloße Möglichkeit dazu heißt Macht.
Weiterhin heißt „die durch Sanktionsmöglichkeiten gedeckte Chance, Freiheitsgrade einzuschränken und zu regeln“ Erpressung. Herrschen dagegen heißt, in einem gewissen Sinne führen. Das aber heißt nicht notwendig „Freiheitsgrade einzuschränken“, sondern kann, ganz entgegengesetzt, Freiheitsgrade sogar erhöhen.
Unsere Bestimmung von Herrschaft
Der Stuhl auf dem ich sitze, könnte eine Illusion sein. Könnte er, kann er aber nicht, denn ich sitze auf ihm. Ich könnte im Ernstfall einen Luftröhrenschnitt durchführen. Könnte ich, kann ich aber nicht, denn dazu fehlt mir das Können. „Könnte“ und „kann“ sind also aufmerksam voneinander zu unterscheiden, und Können ist die Brücke zwischen beiden.
a) Macht ist Möglichkeit, und zwar die Möglichkeit des „kann“.
b) Die Ausübung von Macht ist die Realisierung von Möglichkeiten.
c) Möglichkeiten realisieren, heißt Fakten schaffen.
d) Fakten verändern den Lauf der Welt. Denn:
e) Aus Nichts wird Nichts und in Nichts, vermag Nichts zu vergehen.
Jedes Dasein hat eine Richtung, seinen Lauf oder Weg, und selbst wenn es kein Ziel kennt, es ist unterwegs. Was seinen Weg umlenkt, was diesen Weg richtet, das beherrscht dieses Dasein, und tut es um so ausschließlicher, je mehr es dasselbe damit auf einen bestimmten anderen Weg zwingt.
Herrschaft ist ein Effekt der Ausübung von Macht und heißt Fakten schaffen, die Wege ändern. Absolute Herrschaft hieße dabei, die Änderung dieser Wege genau zu bestimmen.
Drei Beispiele und ein Ausblick
Die Herrschaft über den Tisch an dem ich Sitze habe ich, weil ich in der Lage bin, seinen Weg zu ändern. Ich beherrsche den Tisch nicht, wenn ich ihn zerschlage, dann ändere ich seine Form. Je nach dem, wie gründlich ich dabei bin, löse ich den Tisch vielleicht sogar vollständig auf. Seinen Weg ändere ich, wenn ich ihn in ein anderes Zimmer stelle.
Redet man vom Beherrschen eines Handwerks, so ist es dasselbe. Der Töpfer beherrscht den Ton durch die Bewegung seiner Hände. Seine gerichteten Hände formen den Ton und modifizieren seine Grenze, verändern seine Gestalt. Sie verändern nicht den Ton selbst, wie es zum Beispiel später beim Brennen geschieht.
Auch einen Gegner zu beherrschen bedeutet allein, durch das Schaffen von Fakten dessen Weg zu ändern.
Für einen freien Menschen ist jede Art von Staat in einer bestimmten Hinsicht nicht mehr als ein Mittel. Er kann sich dessen bedienen, oder eben auch nicht. Herrschaft ist ein grundsätzlicheres Moment des Daseins und „bedarf“ insofern des Staates nicht. Jenseits des Staates aber wird eine Lehre von der Herrschaft vielleicht auch eine Lehre vom Guten Krieg sein.
Ein erster Hauptsatz dieser Lehre könnte lauten: Man tötet seinen Gegner nicht, und zwar, um sich die Chance nicht zu vertun, dass man sich erneut an ihm messen kann.
Als einen weiteren Satz kann man im Gedächtnis behalten, dass Herrschaft Freiheitsgrade auch erhöhen kann.
Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt.
Friedrich Nietzsche. Also sprach Zarathustra